Videoproducer – Selbstausbeutung oder Traumberuf?

14. Juni 2008 at 14:10 Hinterlasse einen Kommentar

Nun mal Butter bei die Fische: Was kann, was sollte man als Videoproducer verdienen?

Beim Geld hört die Freundschaft auf, so sagt man. Ich meine: Genau deswegen sollte man offen übers Geld reden.

Was kann, was sollte ein Videoproducer verdienen? Der DJV (Deutscher Journalisten-Verband) nennt in seinen Honorarempfehlungen eine Beitragspauschale „Video für Online“ von 500 – 600 Euro, alternativ pro Minute 200 Euro. Der WDR weist in seinem Honorarrahmen für einen 2:30 Bericht/Reportage 459,05 Euro aus. Doch auch diese Honorarhöhen sind durchaus umstritten (=aus Sicht vieler VJ’s nicht ausreichend), wie die Diskussion in Roman Mischels absolut lesenswerten Blog R73.net zeigt.

Aus welcher Perspektive wird diese Diskussion geführt? Aus der des Fernsehens, noch genauer: aus der des Öffentlich-rechtlichen, gebührenfinanzierten Fernsehens. Sie orientiert sich an den Kosten von EB-Teams, an einem langwierigem Workflow aus Themenfindung und -angebot, Recherche, Drehvorbereitung, Dreh, Schnitt, Abstimmung mit Auftraggebern/Redaktionen und möglichen Korrekturen, an Spesen, Eigeninvestitionen, Ausfallrisiko und Auslastungsquote. Klar – da gehen für einen 2:30 Beitrag gern zwei, oft mehr Arbeitstage ins Land. Und angesichts der Tatsache, dass man als freier Videojournalist in einem solchen Umfeld nicht unbedingt damit rechnen kann, mehr als einen Beitrag pro Woche wirklich abzusetzen, sind 500 – 600 Euro eine absolut angemessene Forderung.

Bleiben wir doch mal beim Fernsehen, nehmen nun aber Stadtfernsehen oder Zielgruppen-IPTV. Da wird man mit dem Ansinnen, einen Dreiminüter für 500 Euro zu verkaufen, in der Regel ausgelacht und darauf verwiesen, dass dies ja im Monat der Praktikant verdient, der 50 bis 60 Beiträge pro Monat knüppelt (und, wie in einem mir bekannten Fall, dafür auch noch eigenes Profi-Equipment anschaffen und mitbringen muss). Das kann ja – weder qualitativ noch als Geschäftsmodell – die Medienzukunft sein, oder?

Trotzdem: Beide Ansätze beschränken aus meiner Sicht den Markt und die Perspektiven – für Videojournalisten/Videoproducer genauso wie für die Unternehmen, die sie beauftragen. 500 Euro für 2:30 können und werden sich die wenigsten Onlineportale leisten können. Und wer meint, mit ein paar Praktikanten und Volontären (Voll-)Programm machen zu können, wird über unterste Kreisklasse auch nicht hinauskommen, wie der (Miss-)Erfolg vieler Stadt- und Lokalsender eindrucksvoll belegt.

Also was dann? Klare Antwort: Fabrik statt Kunsthandwerk. Absolute Standardisierung in Produkten, Abläufen, Technik. Für viele neuartige Nutzungen von Videos im Internet (für Unternehmensdarstellung, Produktpräsentation, Events, Recruiting etc.) zählt nicht oder nur sehr bedingt der künstlerische Ansatz, sondern allein das Preis-/Leistungsverhältnis. Nur wenn das stimmt, setzen Kunden auf das neue Medium.

Bei vorgenannten Produkten ist es durchaus möglich, pro Tag 3 – 5 Produktionen zu drehen. Für den Schnitt liegt man bei 2 bis 4 Produktionen pro Tag. Je nachdem, ob nur Dreh oder inklusive Schnittversion(en) zahlt beispielsweise SightseekerMedien für Standardprodukte knapp 100 Euro (Länge 0:30 bis 1:30). Doch garantiert die Firma ihren vertraglich gebundenen Producern auch Kontingentabnahmen, so dass Monatshonorare von deutlich über 2500 Euro erreicht werden. Für (Quer-) Einsteiger aus Fotografie, Mediengestaltung, Kamerassistenz und Ton kein unfairer Satz, zumal regelmäßiges Coaching und Fortbildung dazu gehören und der Job als solcher ’ne Menge Spaß macht.

Und dieser ganz andere Ansatz erschließt dem Unternehmen (und damit den rund 30 Videoproducern, die mittlerweile für SightseekerMedien arbeiten) ganz neue Märkte: Handy-Städteguides für Nokia, Unternehmensportraits für Verbände, Serienproduktionen für Verlage – manchmal muss man es eben anders machen, um es überhaupt zu machen.

Ich verstehe, wenn jemand mit „klassischem“ TV-Verständnis diesen Job nicht machen will, weil er sein journalistisches Talent nicht genügend gefordert sieht. Aber ist klassisches TV-Verständnis der richtige Ansatz in der Onlinewelt? Deshalb werbe ich dafür, dass dies ein hervorragender Einstieg für junge Medientalente in die Medienwelt von morgen ist.

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Pre-Roll, Post-Roll, Middle-Roll – nix Rock’n’Roll It’s the iceberg, stupid

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